Und was hat das mit Beziehung und Partnerschaft zu tun?
Ich sehe es immer wieder: Vier- und Zweibeiner leben nebeneinanderher. Dreimal pro Tag Gassi und zweimal pro Tag Futter hinstellen, fertig. Aber ist das wirklich alles? Erinnere dich bitte einmal daran zurück, warum du dich für ein Leben mit Hund entschieden hast. War die Idee, dass du deinen Hund lediglich „versorgst“? Oder hast du dir vielleicht MEHR gewünscht? Gibt es da in dir vielleicht doch eine Stimme, die sich eine echte und tiefgründige Verbindung mit deinem Vierbeiner wünscht?
Ich habe da einen anderen Anspruch, sowohl zwischenmenschlich als auch in der Beziehung zu meinen Hunden. Ich wünsche mir echte Verbindung. Authentizität. Nähe. Geborgenheit. Liebe. Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse des Anderen. Ich wünsche mir Menschen in meinem Leben, die hinter die Fassade gucken, hinter ihre eigene und hinter meine. Menschen, die sich selbst kennen und mich sehen, nicht nur mein Verhalten und mein äußeres Erscheinungsbild. Sich selbst zu spüren, die eigenen Muster zu kennen und zu hinterfragen, das erfordert Mut. Aber es lohnt sich. Denn erst, wenn ich einen Zugang zu mir selbst habe, kann ich mein Gegenüber ehrlich wahrnehmen und spüren.
Bei unseren Vierbeinern geben wir uns häufig mit Oberflächlichkeiten zufrieden. Wir richten viel zu häufig den Blick ausschließlich auf das sichtbare Verhalten unseres Hundes: Mein Hund soll nicht an der Leine ziehen. Mein Hund soll sich immer brav verhalten. Mein Hund soll auf mein Wort gehorchen. Aber was, wenn da viel mehr möglich wäre? Was, wenn du eine viel intensivere Beziehung zu deinem Hund haben könntest als jetzt in diesem Moment? Was du dafür tun musst? Du musst dich darauf einlassen. Du musst dich selbst kennenlernen. Du musst hinter die Fassade gucken, weg von der Handlungsebene, rein in die Gefühlswelt.
Wie geht es deinem Hund, während er einen anderen Hund anbellt und ausrastet? Macht er das, um dich zu ärgern? Hat er da wirklich Spaß dran? Oder geht es deinem Hund vielleicht sogar schlechter in der Situation als dir? Vielleicht ist dein Hund einfach vollkommen überfordert und wünscht sich so sehr einen Menschen, der ihm den Weg weist. Einen Menschen, der ihm metaphorisch die Hand reicht und sagt: „Ich bin da. Ich lasse dich nicht alleine. Bei mir darfst du dich geborgen fühlen. Bei mir darfst du ankommen.“
Und mindestens genauso wichtig: Warum triggert dich das Verhalten deines Hundes so sehr? Warum ist es dir so wichtig, was andere von dir und deinem Hund denken? Warum fühlst du so eine große Scham, wenn dein Hund ausrastet? Es gibt immer zwei Wege, um mit solchen herausfordernden Gefühlen umzugehen: Entweder suche ich im Außen nach Lösungen, die mein Leid beenden – „Ich muss dafür sorgen, dass mein Hund nicht mehr ausrastet. Dann muss ich diese Scham nie wieder spüren.“ Oder wir graben etwas tiefer und fragen uns, warum wir uns so sehr vom Verhalten unseres Hundes triggern lassen.
Ich kenne diese Gedankenspiralen. Ich habe sehr lange Zeit im Außen nach meinem Glück gesucht: „Wenn Emil nicht mehr ausrastet, dann kann ich das Zusammenleben mit diesem Hund endlich genießen. Dann wird es endlich schön.“ Aber die traurige und gleichzeitig erleichternde Wahrheit ist: Die Lösung liegt nicht im Außen. Du wirst nicht glücklicher sein, nur weil dein Hund nicht mehr bellt und in die Leine springt. Und als ich das erkannt habe, konnte ich endlich loslassen. Loslassen von der Vorstellung eines perfekten Hundes, der immer gehorcht und mich nie vorführt. Mittlerweile wird es immer nebensächlicher, wie sich Emil verhält, denn ich habe verstanden:
Nicht das Problem ist das Problem, sondern mein Umgang mit dem Problem ist das Problem.
Wenn wir diesen Gedanken in das Zusammenleben mit unseren geliebten Zwei- und Vierbeinern integrieren, haben wir viel Lebensqualität dazugewonnen. Auf einmal werden kleine Streitigkeiten mit dem Partner unwichtig(er). Auf einmal sind wir wirklich bereit, uns auf unser Gegenüber einzulassen.
Folgende Fragen lassen mich nicht los: Bist du wirklich verbunden mit deinem Partner/deiner Partnerin? Kennst du ihn/sie wirklich? Oder projizierst du deine Wünsche und Vorstellungen in ihn/sie hinein? Gestaltet ihr gemeinsam euer Leben oder lebt ihr nur nebeneinanderher? Siehst du seine/ihre Bedürfnisse? Kannst du hinter seine/ihre Fassade gucken? Wie gut könnt ihr miteinander reden? Fühlst du dich verstanden? Könnt ihr konstruktiv streiten? Bleibt dein Partner/deine Partnerin, wenn es schwer wird? Oder ist die erste Reaktion Flucht und Rückzug?
Und genau die gleichen Fragen kannst du dir auch in der Beziehung zwischen dir und deinem Hund stellen. Denn nein, ein Hund ist kein Mensch. Ein Hund kann auch keine zwischenmenschliche Beziehung ersetzen. Aber trotzdem führen wir eine Art Beziehung zu unseren Hunden. Und diese kann entweder sehr oberflächlich oder sehr intensiv sein. Kennst du deinen Hund wirklich? Siehst du seine Bedürfnisse? Siehst du seine Sorgen und Ängste? Oder siehst du vielleicht nur das Verhalten deines Hundes: „Jetzt hat er schon wieder gebellt, obwohl er das nicht tun soll“? Ja, aber warum bellt dein Hund wirklich? Geht es ihm gut damit? Hat er Spaß daran? Und warum hört er nicht auf zu bellen, wenn du es sagst?
Warum reagiert dein Hund „aggressiv“ in Situation XY? Hat er wirklich Lust, sich zu prügeln, oder ist er vielleicht unsicher oder sogar ängstlich und versteckt sich hinter einer Maske aus Aggression? Vielleicht kennst du das ja. Vielleicht trägst auch du ab und zu eine Maske, die verstecken soll, wie es dir wirklich geht.
Ich wünsche mir Authentizität und Verbindung. In einer Welt, die so oberflächlich und schnelllebig ist wie die, in der wir leben, ist das gar nicht so einfach. Beziehungen gehen in die Brüche, nicht aus fehlender Liebe, sondern aus Angst, aus Resignation. Nähe ist Gefahr. Vielleicht bin ich auch einfach zu kitschig, zu verliebt in die Vorstellung von echter tiefgründiger Verbundenheit. Aber ich habe einen anderen Anspruch an mein Leben. Ich möchte geliebt werden und Liebe schenken. Ich möchte verstehen und verstanden werden. Ich möchte mein Gegenüber sehen und gesehen werden.
Diese Gedanken machen mich traurig. Die Oberflächlichkeit in dieser Welt macht mich traurig. Aber wir können etwas daran ändern: indem wir hinsehen, angefangen bei uns selbst. Wir müssen tiefer buddeln. Da, wo es wehtut, wo verdrängte Gefühle hochkommen. Wenn wir es schaffen, ehrlich zu uns selbst zu sein, uns selbst zu verstehen, unsere Muster, unsere Antriebe, unsere Glaubenssätze, dann werden wir endlich zu dem Menschen, der hinter unserer Maske verborgen liegt. Und wenn wir uns selbst kennen und spüren, dann können wir uns auch ehrlich auf unser Gegenüber einlassen, egal ob Zwei- oder Vierbeiner.
Und genau das ist es, was ich durch Emil in den letzten Jahren lernen durfte: über den Tellerrand gucken. Mich nicht mehr so leicht blenden lassen. Und, ganz wichtig: mich selbst noch einmal ganz neu und viel ehrlicher kennenlernen.


